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Hirtenbrief des Landesbischofs zum Osterfest


05 Apr. 2023

DRESDEN - Landesbischof Tobias Bilz wendet sich zum Osterfest mit einem Hirtenbrief an die haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitenden der Landeskirche.

Mich hat herzlich verlangt, dieses Passalamm mit euch zu essen, ehe ich leide. (Lukas 22, 15)

Liebe Schwestern und Brüder in den vielfältigen Diensten unserer Landeskirche,

vor einigen Tagen bin ich auf der Autobahn in den Abend hineingefahren. In die eigentlich wunderbare Dämmerung schob sich vom Horizont her eine tief dunkle Wolke und nahm nach und nach die ganze Sicht ein. Es wirkte bedrohlich. Was zieht da für ein Unwetter herauf?

In meinen Gedanken und Empfindungen stellten sich Assoziationen ein:

Was sind das für Zeiten, in die wir als Kirche aber auch schlicht als Menschenkinder „hineinfahren“? Wir sehen und hören von einem näherkommenden Krieg, wir lesen von sinkenden Grundwasserständen und denken dabei nicht nur an die Trockenheit. Quellen des Wohlstandes fließen weniger stark, Standards des Umgangs miteinander nehmen ebenfalls ab. Menschen verlassen die Kirche, weil sie nicht liefert, was erwartet wird. Lebenskräfte nehmen ab und die Ratlosigkeit steigt. Die Horizonte sind verdunkelt. Immer wieder nehme ich wahr, wie stark der Wunsch nach Ermutigung ist.

 

Im Rahmen eines Ephoralkollegs hatte ich einen intensiven Austausch mit Hauptberuflichen im Verkündigungsdienst. Einer sagte: „Ich danke ihnen, dass sie die Lage nicht schönreden. Wir haben wirklich mit vielen Schwierigkeiten zu kämpfen. Da helfen keine Durchhalteparolen. Hoffnung wird sich erst einstellen, wenn wir unsere Ratlosigkeit eingestehen und offen für Gottes Wirken werden.“

Mein Hirtenbrief zu den Kar- und Ostertagen nimmt dieses Jahr besonders den Gründonnerstag in den Blick. Als Jesus vor seinem Tod mit den Jüngern das Passalamm isst, wird das für ihn zu einem Augenblick der Offenheit. Er spricht von seiner Sehnsucht nach Verbundenheit und vom heraufziehenden Leiden, welches ihn von seinen Freunden trennen wird. Beides geschieht der Überlieferung nach in einem Zuge. Er spürt, was auf ihn zukommt und möchte sich in der Gemeinschaft mit seinen Jüngern stärken. Zugleich aber will er sie vorbereiten und mit der Neuinterpretation des Mahles sein Vermächtnis ordnen sowie ihren Zusammenhalt stärken. Sie brauchen eine geistliche Wegzehrung in schweren Zeiten. Er gibt sie ihnen.

Liebe Schwestern und Brüder, seit einiger Zeit höre ich immer wieder die Aufforderung, es müsse nun einmal geschaut werden, wie die Coronazeit, die (scheinbar) hinter uns liegt, zu bewerten sei. Welche der Maßnahmen waren gut und welche unsinnig? Wer hat recht behalten und was haben wir einander zu vergeben? Haben wir kreativ genug geglaubt und stark genug aneinander festgehalten? Hat die Liebe uns ebenso bestimmt wie das Für und Wider der jeweiligen Schutzverordnungen? Haben wir alles getan, um besonders die Schwachen nicht allein zu lassen? Mir persönlich fehlen noch ausreichender Abstand und tiefergehende Erkenntnis, um einzelne Maßnahmen zu bewerten. Noch immer meine ich, dass wir insgesamt gute Lösungen gefunden haben. Eins aber schmerzt mich: Es ist uns nicht durchweg gelungen, gut beieinander zu bleiben. Ganz gewiss gab es vielfältige Erfahrungen der Verbundenheit. Mit hoher Energie und Kreativität haben wir versucht, trotz aller Beschränkungen in gutem Kontakt zu sein. Daneben aber stehen Erfahrungen der Entfremdung, die bis heute nicht oder nur teilweise überwunden sind. Wir haben einander verletzt und verurteilt. Trennende Überzeugungen waren manchmal stärker als die Barmherzigkeit miteinander.

Für mich zeigt sich das zeichenhaft in der Mahlgemeinschaft. Wenn sie Wegzehrung gerade im Leiden ist, konnten und können wir auf das Brot des Lebens und den Kelch des Heils nicht verzichten. Deshalb hätten wir mehr Möglichkeiten eröffnen sollen, um das Mahl in den Häusern und Familien zu feiern. Es war nicht ganz verstellt mit Leidenden und Sterbenden das Mahl zu halten. Haben wir die Möglichkeiten dafür ausreichend genutzt? Mir geht es nach, dass manche in Krankheit und Leid ohne diese Stärkung geblieben sind. Hier empfinde ich für mich ein Versagen.

Zugleich aber meine ich, dass in der Verarbeitung unserer Erfahrungen der Tisch des Herrn der Ort der Versöhnung und neuer Verbundenheit ist. Hier empfangen wir Vergebung und stärken uns für die kommenden Herausforderungen. Hier können wir uns Zeichen des Friedens geben und einander verzeihen. Deshalb ermutige ich ausdrücklich dazu, das Mahl wieder regelmäßig zu feiern. Überlegen Sie bitte auch im Kreis der jeweils Verantwortlichen, ob und wie der Gemeinschaftskelch wieder in Gebrauch kommen kann. Selbstverständlich sind wir noch einmal sensibler für hygienische Aspekte der Mahlfeier geworden. Dennoch bringt das gemeinsame Trinken aus dem Kelch unsere Zusammengehörigkeit besonders zum Ausdruck. 

Nach einer langen Zeit zunehmender Individualisierung gewinnen Verbundenheit und Zusammenhalt in diesen Tagen an Bedeutung. Dafür gilt es aus den Quellen zu schöpfen, die uns als Kirche gegeben sind.

Liebe Schwestern und Brüder, die aktuelle Wegstrecke unserer Kirche ist herausfordernd. Wir müssen in scheinbar immer kürzer werdenden Abständen wegweisende Entscheidungen treffen. Deshalb hat sich die Frühjahrssynode vorgenommen, in einem Thementag nach Orientierung und Ermutigung zu suchen. „Wo kommst du her und wo willst du hin?“ Die Frage des Engels an Hagar, die in den Zusammenhang unserer Jahreslosung gehört, wird uns dabei leiten. Ich erwarte weniger, dass wir danach besser wissen, was richtig und verkehrt ist. Vielmehr sollte uns neu bewusst geworden sein, was uns als Kirche ausmacht, wie wir unsere Weggemeinschaft gestalten und in welche Richtung wir uns bewegen wollen. Ich vertraue darauf, dass wir durch Gottes Geist gemeinsame Einsichten und Aussichten gewinnen werden. Bitte beten Sie mit mir gemeinsam dafür!

Noch einmal erinnere ich mich an meine Abendfahrt. Auf dem Heimweg zu später Stunde wurde mir bewusst, dass das Unwetter ausgeblieben ist. Die Drohkulisse hatte sich aufgelöst. Das ist nicht immer der Fall. Manchmal aber erweisen sich die unheilvollen Aussichten im Nachhinein weniger dramatisch als vermutet. In jedem Falle gilt es, der Gegenwart des Gekreuzigten und Auferstandenen unter uns zu vertrauen.

So schließe ich meinen Osterbrief mit den Worten, die Jesus spricht, als er nach der Auferstehung wieder unter seine Jünger tritt: „Friede sei mit euch!“ (Lk 24, 36). Dieser Gruß ist in unsere Abendmahlsfeiern eingegangen. Hier gehört er zur Liturgie und wir sprechen ihn einander zu. So erinnern wir uns daran, dass der Ostermorgen der Moment des hellen Horizontes ist. Alles Finstere ist verflogen. Das Leiden hat seine Zeit gehabt und sogar zur Versöhnung beigetragen. Gott hat Frieden mit dieser Welt geschlossen.

Diesen Frieden wünsche ich Ihnen besonders für die Osterzeit.

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen!

Der Hirtenbrief als Video

Landesbischof Tobias Bilz
KRaftwerk Mitte

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