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Hirtenbrief des Landesbischofs
19 Dez. 2023
DRESDEN - Landesbischof Tobias Bilz wendet sich vor dem Weihnachtsfest mit einem Hirtenbrief an die haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitenden der Landeskirche.
Und siehe, der Stern ging vor ihnen her... (Mt 2, 9)
Liebe Schwestern und Brüder,
meine Entdeckung des Jahres ist das Kirchlein St. Prokulus im Vinschgau.
Hier hat man vor 100 Jahren eine sensationelle Entdeckung gemacht. Unter den wertvollen gotischen Fresken wurden zufällig weitaus ältere Wandbemalungen gefunden. In einem aufwendigen Verfahren konnte ein Bildprogramm aus vorromanischer Zeit freigelegt werden. Noch immer sind Wissenschaftler dabei, die Funde zu analysieren und zu deuten. Es gibt nichts Vergleichbares.
An einer der Wände ist die Anbetung der Weisen dargestellt. Erzählt wird genau genommen eine Lebensgeschichte, die mit der Kindheit der Weisen beginnt und in Bethlehem ihre Erfüllung findet. Damit wird aus einer Reise ein Lebens-Lauf im wahrsten Sinn des Wortes. Diese Pilger waren demnach ein Leben lang unterwegs, um schließlich an der Krippe niederzufallen, anzubeten und ihre Geschenke zu übergeben.
Für mich ist dieses Fresko zum Synonym für die Erfahrungen des letzten Jahres geworden. Ich sehe mich und uns miteinander vor der dauerhaften Aufgabe, uns immer neu auf unserem Weg und dem Weg unserer Kirche zu orientieren und ihn mutig zu gehen. Wir sind auf einem Langstreckenlauf durch schwierige Zeiten. Dabei sehen wir nicht immer einen Leitstern, der uns eindeutig zur Krippe führt. Es gibt Momente dichter Wolken, die den Blick in den Himmel verdecken. Für mich sind das jene Augenblicke, in denen mir die Klarheit fehlt, die ich mir für den weiteren Weg unserer Kirche wünsche.
Worauf sollen wir uns konzentrieren, wenn unsere Kräfte geringer werden? Welche Aufgaben und Herausforderungen sind nicht nur dringlich, sondern wirklich wichtig? Wieviel Veränderung können wir wagen, ohne Wertvolles aufs Spiel zu setzen? Wann gilt es, den Kurs zu korrigieren statt treu und ausdauernd weiterzugehen?
Die Weisen sagen der Überlieferung nach, als sie in Jerusalem ankommen, dass sie den Stern des neugeborenen Königs der Juden im Morgenland gesehen haben. Danach wohl eine Zeit lang nicht mehr. Sie hatten deshalb schlicht geschlussfolgert, dass diese Geburt am Königshof in Jerusalem geschehen sein muss. Das ist sie offensichtlich nicht. Jetzt haben sie einen Moment der Irritation. Wie konnten wir uns so täuschen? Haben wir den Stern falsch gedeutet? Sind wir zu schnell unserer allzu menschlichen Einsicht gefolgt?
Ich denke, wir müssen auch heute in Betracht ziehen, dass wir trotz aller guten Absichten in die Irre gehen können. Diese Einsicht mag schmerzen. Wir brauchen sie aber, um uns nicht zu überfordern. Selbst Weise können irren und sogar die Jünger hatten trotz ihrer Nähe zum Herrn gelegentlich keine Ahnung (Joh 14, 5): Wie können wir den Weg wissen?
Die Weisen jedenfalls bleiben offen für eine Kurskorrektur und beziehen neue Informationen in ihre Wegstrecke ein. Sie vertrauen für einen weiteren Versuch und hören auf die Stimme der Schriftgelehrten, auch wenn deren Hinweise von Herodes, der schlechte Absichten verfolgt, weitergegeben werden.
Für mich ist es in diesen Tagen besonders wertvoll, dass wir die Heilige Schrift haben, um in ihr zu forschen, was sie uns auf unsere Fragen antworten will. Ich wünsche mir, dass wir sie auf vielfältige Weise lesen und ihre Botschaft entschlüsseln. Das ist ein spannender Prozess! Damals haben die Gelehrten schließlich ein einziges Prophetenwort (Mi 5, 1) identifiziert, welches wegweisend sein sollte. Bethlehem, das war der Ort, wohin die Weisen weiterziehen sollten.
Im Moment haben wir vielfältige Deutungsmöglichkeiten unserer komplexen Lebenswirklichkeit. Uns werden unterschiedlichste biblische Texte wichtig. Es gilt weiter zu forschen und zu fragen, auszulegen und Auslegungen zu gewichten, um Orientierung zu gewinnen und damit gut weitergehen zu können. Der Austausch mit den Pfarrerinnen und Pfarrern zu unseren Pfarrertagen war für mich ein Beispiel dafür, wie das geschehen kann. Ich wünsche mir, dass wir uns auch im kommenden Jahr Zeit zum Forschen lassen und die Nerven behalten, bis unsere Einsichten gereift sind.
Zugleich brauchen wir eine zweite Fähigkeit: den Mut für einen entschlossenen Aufbruch. Mit dem prophetischen Hinweis auf Bethlehem waren gewiss nicht alle Fragen der Weisen geklärt. Musste es sie nicht stutzig machen, dass der regierende König nicht längst dort war? Wieso kümmerte es hier scheinbar niemanden, dass ein besonderer König geboren wurde?
In dieser Situation erwies sich die Fähigkeit der Weisen, sich erneut auf den Weg zu machen, als besonders wichtig. Sie waren Menschen im Aufbruch, Menschen des Weges, Menschen mit Entdeckersinn für das unbekannte Ziel. Ihre Zielorientierung ließ sich einfach nicht irritieren. Dann gehen wir jetzt nach Bethlehem, das war die neue Devise. Und siehe da: Auf den letzten Metern führt sie der Stern erneut! Die Wolken verziehen sich. Jetzt herrscht wieder Klarheit.
Für mich entfaltet sich hier ein besonderes Beispiel dafür, wie Gott mit den Menschen interagiert. Er gibt einen wichtigen Anstoß, vertraut dann den menschlichen Fähigkeiten der Zeichendeutung sowie Wegplanung und bestätigt zum Schluss, dass das Ziel des Weges erreicht ist.
Liebe Geschwister in den verschiedenen haupt- und ehrenamtlichen Diensten,
viele von uns sind schon ein Leben lang im Glauben und im Dienst unterwegs. Zusammen mit denen, die neu dabei sind, folgen wir einem Berufungsimpuls. Wir sind oft mit viel Schwung gestartet und haben bald gemerkt, dass unsere Arbeit nicht durchweg unter dem Funkeln des Leitsterns glänzt. Es gibt Zeiten der verdunkelten Horizonte und solche, in denen wir scheinbar auf uns selber gestellt sind. Ganz gewiss sind unsere An- und Einsichten über die Richtigkeit des Weges nicht immer klar. Wir treffen wohl auch an mancher Weggabelung die falsche Entscheidung. Wir sind aber mit dem Vertrauen Gottes in uns unterwegs. Dieses Zutrauen bleibt uns, wenn wir Umwege gehen oder sogar auf Abwege geraten.
Gott wird die Heilige Schrift, unterschiedliche Menschen und auch manche Umstände nutzen, um uns neu zu orientieren! Wir brauchen keine Angst davor haben, das Ziel zu verfehlen.
Mich hat das Fresko in St. Prokulus nachhaltig beeindruckt. Oben in der Mitte steht der Stern. Er leuchtet nicht nur auf den Stall, sondern auch auf die früheren Lebensstationen der Pilger aus dem Osten. Ich schaue noch einmal genau hin. Nur eine einzige Figur schaut tatsächlich zum Stern hin. Es ist einer der Weisen im Kindesalter. Er ist barfuß. In der rechten Hand hält er seine Schuhe. Wie bei Mose (2. Mose 3,5) ist es für ihn ein heiliger Moment, in dem er die Berufung für seinen Lebensweg empfängt. Er wird diesem Stern folgen, bis zum Schluss.
So danke ich Ihnen von Herzen für Ihren treuen Dienst, besonders in den Ausdauerphasen, die Ihnen viel abfordern. Ich danke Ihnen dafür, dass Sie mit Herzen, Mund und Händen in unserer Nachfolgegemeinschaft bleiben.
Seien Sie darin bestärkt mit Worten aus dem 2. Petrusbrief (Kap. 1, 19):
Umso fester haben wir das prophetische Wort, und ihr tut gut daran, dass ihr darauf achtet als auf ein Licht, das da scheint an einem dunklen Ort, bis der Tag anbricht und der Morgenstern aufgeht in euren Herzen.
Ich wünsche Ihnen eine Adventszeit im Licht des kommenden Tages und ein Christfest des hellen Herzens,
Ihr
Tobias Bilz
Hirtenbrief zum Download (PDF)