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Handwerk und Kirche – eine lebendige Zusammenarbeit


20 Juni 2021

Landesbischof Tobias Bilz hielt auf der Vollversammlung der Handwerkskammer Dresden am 9. Juni 2021 folgendes Referat:

Sehr verehrte Mitglieder der Handwerkskammer, meine sehr verehrten Damen und Herren, 

das Thema „Handwerk und Kirche – eine lebendige Zusammenarbeit“ ist für mich nicht nur der Titel eines Vortrages heute, sondern in vielerlei Hinsicht gelebte Realität und ein Herzensanliegen! Und das nicht nur deshalb, weil ich mit einer Schneiderin verheiratet bin. Es gibt sowohl vielfältige biographische Berührungspunkte als auch eine gewachsene Wertschätzung gegenüber dem Handwerk im Blick auf konkrete Projekte, die Handwerk und Kirche miteinander durchführen. 

Nach meinem Theologiestudium wurde ich Landpfarrer im damaligen Kreis Stollberg. Riesige Sanierungsaufgaben standen an. In meinem Pfarrbereich gab es sieben mehr oder weniger reparaturbedürftige Gebäude. Notwendigerweise entwickelten sich über die Jahre intensive Beziehungen zu Handwerksbetrieben im Baugewerke. Natürlich wurde im Kirchenvorstand darauf geachtet, dass ortsansässige Handwerksbetriebe vertreten waren! 

Heute würde ich sagen: Es gilt nicht nur die alte Weisheit, dass jeder Ort einen Bürgermeister bzw. eine Bürgermeisterin, einen Arzt oder eine Ärztin und einen Pfarrer oder eine Pfarrerin braucht, sondern wenigstens zwei – drei Handwerksbetriebe, die die Vitalität der Kommunen mit ausmachen. 

2017 wurde ich Landesjugendpfarrer und kam nach Dresden. In unzähligen Gesprächen mit Jugendlichen habe ich auf Berufswünsche und -möglichkeiten gehört. Verschiedene Aspekte der Berufswahl habe ich mit ihnen in den Blick genommen und auch danach gefragt, ob nicht jeder Beruf auch Elemente einer „Berufung“ (Definition: „durch Fähigkeit oder Neigung vorgezeichnete Bestimmung, Lebensaufgabe…“) haben sollte. 

Auch konkrete Aktionen hat es in der Jugendarbeit gegeben und gibt es in der ganzen Landeskirche bis heute. Beispielhaft sei die Aktion „Konfis backen Brot“ (Besuch in Backstuben im Rahmen der Konfirmandenarbeit) genannt. 

Nur wenig mehr als ein Jahr war ich als Dezernent im Landeskirchenamt für den Bereich „Kirche und Handwerk“ zuständig. Diesem Umstand verdanke ich den persönlichen Kontakt zu Präsident und Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Dresden. Vielen Dank, dass das so geblieben ist! 

Dabei konnte ich auch wahrnehmen, welch hohe Wertschätzung die kirchliche Arbeit genießt (Referent für „Kirche und Handwerk“ Peter Pantke). In dieser Zeit haben wir auch entschieden, die Stelle nach dessen Eintritt in den Ruhestand erneut zu besetzen. Jetzt kümmert sich mit Michael Seimer ein engagierter und kompetenter Nachfolger darum. 

Der Handwerkergottesdienst am 12. Mai 2019 in der Frauenkirche mit anschließendem Empfang und Programm im Kulturpalast war ein wirklicher Höhepunkt der lebendigen Zusammenarbeit von Kirche und Handwerk! Als solcher hat er starke Außenwirkung entfaltet. Meine Teilnahme an einer beeindruckenden Meisterfeier im Herbst 2019 in der Messe Dresden will ich unbedingt noch erwähnen. Das hat mich sehr beeindruckt! Das alles sind Beispiele dafür, dass Kirche und Handwerk in vielfältiger Weise miteinander verbunden sind! Vieles wäre noch zu ergänzen. Es ist eine lebendige Zusammenarbeit, die an vielen Stellen auf eine reiche Tradition zurückblickt und sich bei allen aktuellen Herausforderungen als tragfähig erweist! 

Das ist für mich ein Grund für Dankbarkeit und Freude. Das möchte ich heute hier sehr gern damit zum Ausdruck bringen, dass ich als Landesbischof die Vollversammlung der Handwerkskammer Dresden besuche! 

Gestatten Sie mir nun wenige Impulse im Blick auf aktuelle Herausforderungen, vor denen ich Handwerk und Kirche gleichermaßen sehe, zu geben. 

Zuerst: 

Tradition und Veränderung müssen sowohl in der Kirche als auch im Handwerk in einer guten Balance gehalten werden!

Das Handwerk steht – genauso wie die Kirche – vor der Herausforderung, starke Traditionen mit anstehenden Veränderungen zu verbinden. 

Klassische Handwerksbetriebe müssen schließen. Manche Berufe sterben aus (Blaudrucker und Böttcher, Sattler und Gerber…) oder verändern sich so stark, dass sie nicht wiederzuerkennen sind. Das ist angesichts des Verlustes von „Knowhow“, Tradition und von Werten für viele von uns schmerzhaft! Viele Handwerker und Handwerkerinnen stehen vor der bitteren Erkenntnis, dass es für ihren Handwerksbetrieb keine Zukunft geben wird, wenn sie in den Ruhestand gehen. 

Ähnliches lässt sich von den kirchlichen Berufen – Pfarrer, Diakon und Kantor – sagen. Wenn eine Pfarrstelle nicht mehr besetzt werden kann, bedeutet das einen tiefen Einschnitt in das Gemeindeleben. 

Das Handwerk jedenfalls definiert sich eben nicht nur über das finale Produkt, sondern über vielfältige weitere Aspekte: handwerkliche Fertigung und Materialauswahl, Kreativität und Ästhetik, Langlebigkeit und Individualität. Im Handwerk ist das Ergebnis der qualitätvollen Arbeit immer auch dauerhaft mit der Person verbunden, die daran gearbeitet hat. Man kann sagen: Etwas von Ihr ist in das Produkt eingegangen. 

Effektivität und Nützlichkeit bestimmen heute oft die Agenda. Internationale Konkurrenz und (halb)industrielle Fertigung bringen das Handwerk unter Druck. Veränderungen in der Einstellung zur Arbeit (morgens aufstehen und/oder bis in die Nacht hinein arbeiten oder über den Büchern sitzen) tun ihr Übriges. Ein Beruf ist nicht mehr zwangsläufig auch eine Berufung, für die Mann oder Frau bereit ist, gewissermaßen „alles zu geben“. 

Handwerk und Kirche stehen hier vor ganz ähnlichen Herausforderungen. Auch der Glaube ist eine Sache der Familie! Was passiert, wenn er nicht mehr von Generation zu Generation weitergegeben wird? Die Frage nach der Nützlichkeit der Religion (Wertevermittler, Sinnstifter, Sicherheitsgeber…) wird unverblümt gestellt. Dahinter liegt auch: Brauchen wir „Institutionen“ wie die Kirche (Man kann auch ohne sie glauben…) oder die „Innung“ (Was habe ich davon…) noch? 

Gestatten Sie mir, meine Schlussfolgerungen aus diesen Fragestellungen zu ziehen: 

  1. Die Zugehörigkeit zu einer starken Gemeinschaft hat in Zeiten der Individualisierung ein besonderes Gewicht! Eine institutionalisierte Gemeinschaft sorgt für Struktur und Festigkeit, Sicherheit und Freiheit. In Gemeinschaft kommt es zu einem ausgleichenden Geben und Nehmen. Starke solidarisieren sich mit Schwachen. Jeder gibt und jeder empfängt. Persönlich: Ich glaube, dass die Zeit der Institutionen nicht vorbei ist. Es wird aber viel davon abhängen, dass sich Institutionen weiterentwickeln! Damit sind wir bei der zweiten Schlussfolgerung: 

  2. Institutionen sind herausgefordert, die Anliegen ihrer Mitglieder im Blick zu haben und zu behalten. Dazu gehört auch eine intensive Kommunikation verstanden als Reden und Hören, Hören und Reden! Entscheidungen (auch unangenehme) gilt es transparent zu machen, Mitsprache und Mitverantwortung zu ermöglichen, Anregungen (nach Möglichkeit) aufzunehmen! Schlicht: Sich um die mühen, für die man verantwortlich ist! Das ist durch nichts zu ersetzen. 

  3. Bewahren und Bewegen brauchen eine gesunde Balance! Dazu einige Stichworte:
  • Werte definieren und pflegen: Pünktlichkeit, Ehrlichkeit, Zuverlässigkeit, Verantwortung, Vertrauen, Qualität!
    Welche Werte würden Sie selbst nennen? Was macht das Handwerk aus?
  • Notwendigkeiten dafür offen ansprechen!
  • Beweger fördern! Gegen: „Das haben wir schon immer so gemacht!“ 

Damit bin ich auch schon bei meinem zweiten Impuls: 

Werte und Sinnfragen müssen thematisiert werden! 

Die Corona-Pandemie hat (scheinbare) Selbstverständlichkeiten fundamental infrage gestellt. Das trifft die vier Grundfunktionen von Kirche (Gottesdienst, Gemeinschaft, Kommunikation des Glaubens und Diakonie) genauso, wie das Leben und Arbeiten in Handwerksbetrieben. 

Es wäre jetzt wünschenswert, wir könnten uns über ihre Erfahrungen austauschen, ich kann nur erwähnen, was ich wahrnehme: Geschäfte und Betriebe mussten zeitweise schließen, Angestellte konnten in Kurzarbeit gehen, was ist mit den Inhabern und Inhaberinnen, die vom Ersparten leben? Im Nahrungsmittelbereich gab es Einbußen durch den Ausfall von Familien- und Firmenfeiern, dazu Veränderungen in Lieferketten, jetzt Preissteigerungen. In der Pandemie haben sich auch Gewohnheiten geändert. Im Handwerk läuft vieles über entwickelte Beziehungen. Wird daran angeknüpft werden können?

Ich gehe davon aus, dass das bei vielen von Ihnen grundsätzliche Fragen aufwirft und nach vorn schiebt, die sonst eher unbewusst mitlaufen:  

  • Was kommt eigentlich bei meinen Bemühungen heraus?
  • Welchen Sinn hat mein Einsatz?
  • Wie lange halte ich das noch durch?
  • Was wird nach mir werden? 

Gewiss gibt es auch immer wieder hoffnungsvolle Zeichen, etwa die Zahl der in diesem Jahr bereits abgeschlossenen Lehrverträge, die Hoffnungen, die sich mit den aktuellen Öffnungen verbinden oder das, was ein Bäcker in diesen Tagen gesagt hat: „Wir haben Federn gelassen aber wir fliegen noch!“ 

Auch hier möchte ich Ihnen drei Schlussfolgerungen, die ich sehe, für Kirche und Handwerk aussprechen: 

  1. Berufe müssen stärker oder neu als Berufung definiert werden! Mich beeindruckt die Plakatwerbung des Handwerks, wenn dort zum Beispiel eine Tischlerin so zu Wort kommt: „Was ich tue, macht mich selbstbewusst!“ Wir wissen gemeinsam um die Vorbildwirkung derer, die ihren Beruf in Handwerk und Kirche jetzt mit Herz und Verstand, Einsatz und Kompetenz ausüben. Auch hier denke ich noch einmal an Werte, wie Handwerkerehre, Fleiß, Beständigkeit, Hingabe und Treue. Und wir können wahrnehmen und fördern, was wir an Gaben in jungen Menschen sehen. 

  2. Freude und Erfüllung im Beruf müssen gefördert und auch in ihrer Bedeutung thematisiert werden! Dabei gehören Anstrengung und Sinn durchaus zusammen. Was nichts kostet, ist nichts wert! Im Handwerk kann erlebt werden, wie schöpferisches Tun bei aller Last immer wieder Ergebnisse hervorbringt, die Erfüllung bedeuten. Im Umkehrschluss gilt es zu identifizieren, was diese Erfahrungen verdunkelt und der beruflichen Tätigkeit Wert und Würde nehmen will. 

  3. Mitten im Berufsalltag ereignet sich das, was wir „Leben“ nennen, auch im Handwerk! Ich beobachte, dass zurzeit das berufliche Leben und das – wie auch immer gemeinte – „eigentliche“ Leben nicht mehr zusammen gedacht werden. Wenn man von einer „Work-Live-Balance“ spricht, suggeriert das von vornherein, dass Beruf und Leben zwei verschiedene Dinge sind, die es auszubalancieren gilt.

    Ich plädiere dafür, dass wir diese Trennung überwinden! Es ist Teil unseres Lebens, dass wir arbeiten. Im „Erschaffen“ sind wir ganz nahe an unserer Bestimmung, Gottes Ebenbild zu sein. Das Tun an sich hat seinen Sinn. Wir arbeiten nicht nur, um damit das Geld für das eigentliche Leben zu verdienen, sondern weil wir damit unserem Leben Sinn und Wert geben!

    Das kann uns freilich über all den Mühen verloren gehen. Dann braucht es im wahrsten Sinn des Wortes Zeit und Gelegenheit für „Be-sinnung“! Dabei muss – wie schon angesprochen – herausgefunden werden, was uns die Erfüllung im Beruf raubt und was wir zurückgewinnen müssen, damit wir wieder Kraft und Freude gewinnen! 

Meine sehr verehrten Damen und Herren, lassen Sie mich zum Schluss meines Gastbeitrages den Versuch wagen, vom Handwerk auf die Kirche und von der Kirche auf das Handwerk zu schauen. Ich möchte das mit der Frage verbinden: Welchen Gewinn können wir voneinander haben? Wie können wir uns über die konkrete Zusammenarbeit hinaus gegenseitig inspirieren? 

Ich schaue zunächst – so gut mir das möglich ist – vom Handwerk zur Kirche. Dabei wird mir bewusst: Alles, was Menschen an Ideen und Idealen haben, muss seinen Weg auch ins konkrete Leben finden, sonst bleibt es eine Fiktion! Ich zitiere einen Theologen – das könnte aber auch ein Handwerker gesagt haben: Nicht in der Flucht der Gedanken, allein in der Tat ist die Freiheit. (Bonhoeffer) 

Mitten in allen Herausforderungen, die scheinbar niemals abreißen, gehört den Tatkräftigen das Leben! Es gilt zu „machen“, was man als richtig erkannt hat! Allzu oft geht es um „richtig“ oder „falsch“. Genauso wichtige Begriffe sind „rechtschaffen“ und „engagiert“. Der Zimmerman Jesus von Nazareth hat Menschen ermutigt, die eigenen Motive zu überprüfen, dann aber auch ins Tun zu kommen: „Tu das, so wirst du leben!“ In diesem Sinne inspirieren mich Handwerker immer wieder, das, was mir wichtig ist auch konkret in die Tat umzusetzen. Danke, dass Sie uns als Kirche immer wieder mahnen, unsere Erkenntnisse, die wir aus dem Glauben gewinnen, auch durch die Praxis zu bestätigen! 

Jetzt schaue ich von der Kirche zum Handwerk: Wir Menschen haben gerade vor Augen gestellt bekommen, dass Dinge geschehen und geschehen können, die wir nicht im Griff haben. Nicht alles ist machbar. Manchmal fehlen uns für die aktuellen Herausforderungen die notwendigen Lösungen. Wir kommen mit unserer Kraft und Weisheit immer wieder einmal ans Ende. 

Sie alle, die Sie heute hier sind, haben Verantwortung für andere Menschen. Das ist eine dauerhafte Last, die es zu tragen gilt und das kann sehr schwer werden. Kraft und Weisheit sind dringend notwendige Ressourcen, die sich nicht nur aus Erfahrung und Intention speisen. Manchmal brauchen wir auch Erleuchtung von oben, gewissermaßen von ganz oben. Deshalb wünsche ich Ihnen von Herzen, dass sie in dem Bewusstsein leben und arbeiten, dass da noch jemand ist, der hilft und sich gern um Hilfe bitten lässt. Wir Christen nennen diese Einstellung schlicht „Gottvertrauen“. 

Gottvertrauen drückt sich in einer „Inneren Orientierung“ aus: Demütig akzeptieren, dass man immer wieder an Grenzen kommt und zugleich offen für den Segen Gottes sein. Vertrauen, dass es mit Gottes Hilfe einen Weg gibt! Darauf setzen, dass auch aus (scheinbaren) Niederlagen etwas Neues entstehen kann. Gottvertrauen drückt sich auch in Ritualen aus, mit denen wir Gott um seinen Segen bitten. Das gibt es beinahe in jedem Handwerk: Das Kreuz auf dem Brot, der Sinnspruch des Zimmermanns am Dachstuhl, das „Walte Gott“ beim Beginn der Arbeit. Gottvertrauen kann auch das kurze Stoßgebet sein, wenn wir unmittelbar vor einer großen Herausforderung stehen und nicht wissen, wie es ausgeht! 

Ich komme damit zum Schluss und ende ganz in diesem Sinne mit dem, was Ihnen allen vertraut ist und von Ihrem Präsidenten immer wieder bewusst ausgesprochen wird. Ich habe es auch auf der Tafel zur Grundsteinlegung für dieses wunderbare neue Ausbildungs- und Veranstaltungszentrum gefunden: „Gott schütze das ehrbare Handwerk!“ Sehr gern füge ich hinzu: „… und segne die, die in ihm arbeiten!“ 

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

 [Landesbischof Tobias Bilz]

 

Handwerk und Kirche – eine lebendige Zusammenarbeit


20 Juni 2021

Landesbischof Tobias Bilz hielt auf der Vollversammlung der Handwerkskammer Dresden am 9. Juni 2021 folgendes Referat:

Sehr verehrte Mitglieder der Handwerkskammer, meine sehr verehrten Damen und Herren, 

das Thema „Handwerk und Kirche – eine lebendige Zusammenarbeit“ ist für mich nicht nur der Titel eines Vortrages heute, sondern in vielerlei Hinsicht gelebte Realität und ein Herzensanliegen! Und das nicht nur deshalb, weil ich mit einer Schneiderin verheiratet bin. Es gibt sowohl vielfältige biographische Berührungspunkte als auch eine gewachsene Wertschätzung gegenüber dem Handwerk im Blick auf konkrete Projekte, die Handwerk und Kirche miteinander durchführen. 

Nach meinem Theologiestudium wurde ich Landpfarrer im damaligen Kreis Stollberg. Riesige Sanierungsaufgaben standen an. In meinem Pfarrbereich gab es sieben mehr oder weniger reparaturbedürftige Gebäude. Notwendigerweise entwickelten sich über die Jahre intensive Beziehungen zu Handwerksbetrieben im Baugewerke. Natürlich wurde im Kirchenvorstand darauf geachtet, dass ortsansässige Handwerksbetriebe vertreten waren! 

Heute würde ich sagen: Es gilt nicht nur die alte Weisheit, dass jeder Ort einen Bürgermeister bzw. eine Bürgermeisterin, einen Arzt oder eine Ärztin und einen Pfarrer oder eine Pfarrerin braucht, sondern wenigstens zwei – drei Handwerksbetriebe, die die Vitalität der Kommunen mit ausmachen. 

2017 wurde ich Landesjugendpfarrer und kam nach Dresden. In unzähligen Gesprächen mit Jugendlichen habe ich auf Berufswünsche und -möglichkeiten gehört. Verschiedene Aspekte der Berufswahl habe ich mit ihnen in den Blick genommen und auch danach gefragt, ob nicht jeder Beruf auch Elemente einer „Berufung“ (Definition: „durch Fähigkeit oder Neigung vorgezeichnete Bestimmung, Lebensaufgabe…“) haben sollte. 

Auch konkrete Aktionen hat es in der Jugendarbeit gegeben und gibt es in der ganzen Landeskirche bis heute. Beispielhaft sei die Aktion „Konfis backen Brot“ (Besuch in Backstuben im Rahmen der Konfirmandenarbeit) genannt. 

Nur wenig mehr als ein Jahr war ich als Dezernent im Landeskirchenamt für den Bereich „Kirche und Handwerk“ zuständig. Diesem Umstand verdanke ich den persönlichen Kontakt zu Präsident und Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Dresden. Vielen Dank, dass das so geblieben ist! 

Dabei konnte ich auch wahrnehmen, welch hohe Wertschätzung die kirchliche Arbeit genießt (Referent für „Kirche und Handwerk“ Peter Pantke). In dieser Zeit haben wir auch entschieden, die Stelle nach dessen Eintritt in den Ruhestand erneut zu besetzen. Jetzt kümmert sich mit Michael Seimer ein engagierter und kompetenter Nachfolger darum. 

Der Handwerkergottesdienst am 12. Mai 2019 in der Frauenkirche mit anschließendem Empfang und Programm im Kulturpalast war ein wirklicher Höhepunkt der lebendigen Zusammenarbeit von Kirche und Handwerk! Als solcher hat er starke Außenwirkung entfaltet. Meine Teilnahme an einer beeindruckenden Meisterfeier im Herbst 2019 in der Messe Dresden will ich unbedingt noch erwähnen. Das hat mich sehr beeindruckt! Das alles sind Beispiele dafür, dass Kirche und Handwerk in vielfältiger Weise miteinander verbunden sind! Vieles wäre noch zu ergänzen. Es ist eine lebendige Zusammenarbeit, die an vielen Stellen auf eine reiche Tradition zurückblickt und sich bei allen aktuellen Herausforderungen als tragfähig erweist! 

Das ist für mich ein Grund für Dankbarkeit und Freude. Das möchte ich heute hier sehr gern damit zum Ausdruck bringen, dass ich als Landesbischof die Vollversammlung der Handwerkskammer Dresden besuche! 

Gestatten Sie mir nun wenige Impulse im Blick auf aktuelle Herausforderungen, vor denen ich Handwerk und Kirche gleichermaßen sehe, zu geben. 

Zuerst: 

Tradition und Veränderung müssen sowohl in der Kirche als auch im Handwerk in einer guten Balance gehalten werden!

Das Handwerk steht – genauso wie die Kirche – vor der Herausforderung, starke Traditionen mit anstehenden Veränderungen zu verbinden. 

Klassische Handwerksbetriebe müssen schließen. Manche Berufe sterben aus (Blaudrucker und Böttcher, Sattler und Gerber…) oder verändern sich so stark, dass sie nicht wiederzuerkennen sind. Das ist angesichts des Verlustes von „Knowhow“, Tradition und von Werten für viele von uns schmerzhaft! Viele Handwerker und Handwerkerinnen stehen vor der bitteren Erkenntnis, dass es für ihren Handwerksbetrieb keine Zukunft geben wird, wenn sie in den Ruhestand gehen. 

Ähnliches lässt sich von den kirchlichen Berufen – Pfarrer, Diakon und Kantor – sagen. Wenn eine Pfarrstelle nicht mehr besetzt werden kann, bedeutet das einen tiefen Einschnitt in das Gemeindeleben. 

Das Handwerk jedenfalls definiert sich eben nicht nur über das finale Produkt, sondern über vielfältige weitere Aspekte: handwerkliche Fertigung und Materialauswahl, Kreativität und Ästhetik, Langlebigkeit und Individualität. Im Handwerk ist das Ergebnis der qualitätvollen Arbeit immer auch dauerhaft mit der Person verbunden, die daran gearbeitet hat. Man kann sagen: Etwas von Ihr ist in das Produkt eingegangen. 

Effektivität und Nützlichkeit bestimmen heute oft die Agenda. Internationale Konkurrenz und (halb)industrielle Fertigung bringen das Handwerk unter Druck. Veränderungen in der Einstellung zur Arbeit (morgens aufstehen und/oder bis in die Nacht hinein arbeiten oder über den Büchern sitzen) tun ihr Übriges. Ein Beruf ist nicht mehr zwangsläufig auch eine Berufung, für die Mann oder Frau bereit ist, gewissermaßen „alles zu geben“. 

Handwerk und Kirche stehen hier vor ganz ähnlichen Herausforderungen. Auch der Glaube ist eine Sache der Familie! Was passiert, wenn er nicht mehr von Generation zu Generation weitergegeben wird? Die Frage nach der Nützlichkeit der Religion (Wertevermittler, Sinnstifter, Sicherheitsgeber…) wird unverblümt gestellt. Dahinter liegt auch: Brauchen wir „Institutionen“ wie die Kirche (Man kann auch ohne sie glauben…) oder die „Innung“ (Was habe ich davon…) noch? 

Gestatten Sie mir, meine Schlussfolgerungen aus diesen Fragestellungen zu ziehen: 

  1. Die Zugehörigkeit zu einer starken Gemeinschaft hat in Zeiten der Individualisierung ein besonderes Gewicht! Eine institutionalisierte Gemeinschaft sorgt für Struktur und Festigkeit, Sicherheit und Freiheit. In Gemeinschaft kommt es zu einem ausgleichenden Geben und Nehmen. Starke solidarisieren sich mit Schwachen. Jeder gibt und jeder empfängt. Persönlich: Ich glaube, dass die Zeit der Institutionen nicht vorbei ist. Es wird aber viel davon abhängen, dass sich Institutionen weiterentwickeln! Damit sind wir bei der zweiten Schlussfolgerung: 

  2. Institutionen sind herausgefordert, die Anliegen ihrer Mitglieder im Blick zu haben und zu behalten. Dazu gehört auch eine intensive Kommunikation verstanden als Reden und Hören, Hören und Reden! Entscheidungen (auch unangenehme) gilt es transparent zu machen, Mitsprache und Mitverantwortung zu ermöglichen, Anregungen (nach Möglichkeit) aufzunehmen! Schlicht: Sich um die mühen, für die man verantwortlich ist! Das ist durch nichts zu ersetzen. 

  3. Bewahren und Bewegen brauchen eine gesunde Balance! Dazu einige Stichworte:
  • Werte definieren und pflegen: Pünktlichkeit, Ehrlichkeit, Zuverlässigkeit, Verantwortung, Vertrauen, Qualität!
    Welche Werte würden Sie selbst nennen? Was macht das Handwerk aus?
  • Notwendigkeiten dafür offen ansprechen!
  • Beweger fördern! Gegen: „Das haben wir schon immer so gemacht!“ 

Damit bin ich auch schon bei meinem zweiten Impuls: 

Werte und Sinnfragen müssen thematisiert werden! 

Die Corona-Pandemie hat (scheinbare) Selbstverständlichkeiten fundamental infrage gestellt. Das trifft die vier Grundfunktionen von Kirche (Gottesdienst, Gemeinschaft, Kommunikation des Glaubens und Diakonie) genauso, wie das Leben und Arbeiten in Handwerksbetrieben. 

Es wäre jetzt wünschenswert, wir könnten uns über ihre Erfahrungen austauschen, ich kann nur erwähnen, was ich wahrnehme: Geschäfte und Betriebe mussten zeitweise schließen, Angestellte konnten in Kurzarbeit gehen, was ist mit den Inhabern und Inhaberinnen, die vom Ersparten leben? Im Nahrungsmittelbereich gab es Einbußen durch den Ausfall von Familien- und Firmenfeiern, dazu Veränderungen in Lieferketten, jetzt Preissteigerungen. In der Pandemie haben sich auch Gewohnheiten geändert. Im Handwerk läuft vieles über entwickelte Beziehungen. Wird daran angeknüpft werden können?

Ich gehe davon aus, dass das bei vielen von Ihnen grundsätzliche Fragen aufwirft und nach vorn schiebt, die sonst eher unbewusst mitlaufen:  

  • Was kommt eigentlich bei meinen Bemühungen heraus?
  • Welchen Sinn hat mein Einsatz?
  • Wie lange halte ich das noch durch?
  • Was wird nach mir werden? 

Gewiss gibt es auch immer wieder hoffnungsvolle Zeichen, etwa die Zahl der in diesem Jahr bereits abgeschlossenen Lehrverträge, die Hoffnungen, die sich mit den aktuellen Öffnungen verbinden oder das, was ein Bäcker in diesen Tagen gesagt hat: „Wir haben Federn gelassen aber wir fliegen noch!“ 

Auch hier möchte ich Ihnen drei Schlussfolgerungen, die ich sehe, für Kirche und Handwerk aussprechen: 

  1. Berufe müssen stärker oder neu als Berufung definiert werden! Mich beeindruckt die Plakatwerbung des Handwerks, wenn dort zum Beispiel eine Tischlerin so zu Wort kommt: „Was ich tue, macht mich selbstbewusst!“ Wir wissen gemeinsam um die Vorbildwirkung derer, die ihren Beruf in Handwerk und Kirche jetzt mit Herz und Verstand, Einsatz und Kompetenz ausüben. Auch hier denke ich noch einmal an Werte, wie Handwerkerehre, Fleiß, Beständigkeit, Hingabe und Treue. Und wir können wahrnehmen und fördern, was wir an Gaben in jungen Menschen sehen. 

  2. Freude und Erfüllung im Beruf müssen gefördert und auch in ihrer Bedeutung thematisiert werden! Dabei gehören Anstrengung und Sinn durchaus zusammen. Was nichts kostet, ist nichts wert! Im Handwerk kann erlebt werden, wie schöpferisches Tun bei aller Last immer wieder Ergebnisse hervorbringt, die Erfüllung bedeuten. Im Umkehrschluss gilt es zu identifizieren, was diese Erfahrungen verdunkelt und der beruflichen Tätigkeit Wert und Würde nehmen will. 

  3. Mitten im Berufsalltag ereignet sich das, was wir „Leben“ nennen, auch im Handwerk! Ich beobachte, dass zurzeit das berufliche Leben und das – wie auch immer gemeinte – „eigentliche“ Leben nicht mehr zusammen gedacht werden. Wenn man von einer „Work-Live-Balance“ spricht, suggeriert das von vornherein, dass Beruf und Leben zwei verschiedene Dinge sind, die es auszubalancieren gilt.

    Ich plädiere dafür, dass wir diese Trennung überwinden! Es ist Teil unseres Lebens, dass wir arbeiten. Im „Erschaffen“ sind wir ganz nahe an unserer Bestimmung, Gottes Ebenbild zu sein. Das Tun an sich hat seinen Sinn. Wir arbeiten nicht nur, um damit das Geld für das eigentliche Leben zu verdienen, sondern weil wir damit unserem Leben Sinn und Wert geben!

    Das kann uns freilich über all den Mühen verloren gehen. Dann braucht es im wahrsten Sinn des Wortes Zeit und Gelegenheit für „Be-sinnung“! Dabei muss – wie schon angesprochen – herausgefunden werden, was uns die Erfüllung im Beruf raubt und was wir zurückgewinnen müssen, damit wir wieder Kraft und Freude gewinnen! 

Meine sehr verehrten Damen und Herren, lassen Sie mich zum Schluss meines Gastbeitrages den Versuch wagen, vom Handwerk auf die Kirche und von der Kirche auf das Handwerk zu schauen. Ich möchte das mit der Frage verbinden: Welchen Gewinn können wir voneinander haben? Wie können wir uns über die konkrete Zusammenarbeit hinaus gegenseitig inspirieren? 

Ich schaue zunächst – so gut mir das möglich ist – vom Handwerk zur Kirche. Dabei wird mir bewusst: Alles, was Menschen an Ideen und Idealen haben, muss seinen Weg auch ins konkrete Leben finden, sonst bleibt es eine Fiktion! Ich zitiere einen Theologen – das könnte aber auch ein Handwerker gesagt haben: Nicht in der Flucht der Gedanken, allein in der Tat ist die Freiheit. (Bonhoeffer) 

Mitten in allen Herausforderungen, die scheinbar niemals abreißen, gehört den Tatkräftigen das Leben! Es gilt zu „machen“, was man als richtig erkannt hat! Allzu oft geht es um „richtig“ oder „falsch“. Genauso wichtige Begriffe sind „rechtschaffen“ und „engagiert“. Der Zimmerman Jesus von Nazareth hat Menschen ermutigt, die eigenen Motive zu überprüfen, dann aber auch ins Tun zu kommen: „Tu das, so wirst du leben!“ In diesem Sinne inspirieren mich Handwerker immer wieder, das, was mir wichtig ist auch konkret in die Tat umzusetzen. Danke, dass Sie uns als Kirche immer wieder mahnen, unsere Erkenntnisse, die wir aus dem Glauben gewinnen, auch durch die Praxis zu bestätigen! 

Jetzt schaue ich von der Kirche zum Handwerk: Wir Menschen haben gerade vor Augen gestellt bekommen, dass Dinge geschehen und geschehen können, die wir nicht im Griff haben. Nicht alles ist machbar. Manchmal fehlen uns für die aktuellen Herausforderungen die notwendigen Lösungen. Wir kommen mit unserer Kraft und Weisheit immer wieder einmal ans Ende. 

Sie alle, die Sie heute hier sind, haben Verantwortung für andere Menschen. Das ist eine dauerhafte Last, die es zu tragen gilt und das kann sehr schwer werden. Kraft und Weisheit sind dringend notwendige Ressourcen, die sich nicht nur aus Erfahrung und Intention speisen. Manchmal brauchen wir auch Erleuchtung von oben, gewissermaßen von ganz oben. Deshalb wünsche ich Ihnen von Herzen, dass sie in dem Bewusstsein leben und arbeiten, dass da noch jemand ist, der hilft und sich gern um Hilfe bitten lässt. Wir Christen nennen diese Einstellung schlicht „Gottvertrauen“. 

Gottvertrauen drückt sich in einer „Inneren Orientierung“ aus: Demütig akzeptieren, dass man immer wieder an Grenzen kommt und zugleich offen für den Segen Gottes sein. Vertrauen, dass es mit Gottes Hilfe einen Weg gibt! Darauf setzen, dass auch aus (scheinbaren) Niederlagen etwas Neues entstehen kann. Gottvertrauen drückt sich auch in Ritualen aus, mit denen wir Gott um seinen Segen bitten. Das gibt es beinahe in jedem Handwerk: Das Kreuz auf dem Brot, der Sinnspruch des Zimmermanns am Dachstuhl, das „Walte Gott“ beim Beginn der Arbeit. Gottvertrauen kann auch das kurze Stoßgebet sein, wenn wir unmittelbar vor einer großen Herausforderung stehen und nicht wissen, wie es ausgeht! 

Ich komme damit zum Schluss und ende ganz in diesem Sinne mit dem, was Ihnen allen vertraut ist und von Ihrem Präsidenten immer wieder bewusst ausgesprochen wird. Ich habe es auch auf der Tafel zur Grundsteinlegung für dieses wunderbare neue Ausbildungs- und Veranstaltungszentrum gefunden: „Gott schütze das ehrbare Handwerk!“ Sehr gern füge ich hinzu: „… und segne die, die in ihm arbeiten!“ 

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

 [Landesbischof Tobias Bilz]

 

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